oder: ein Kitschroman in
Schlüsselszenen
oder:
„Scheiße!“
Der Redakteur ist außer sich.
Indem er sich den Schmutz von der Jacke wischt und aus
dem Gesicht, gewinnt er mählich wieder Haltung. Dann betrachtet er
fast interessiert für zwei Momente die zuckende, blutige Hand, die
zu seinen Füßen aus den Trümmern des Flugzeugs ragt. „Scheiße!“,
ruft er noch einmal, gepreßt und leiser nun, nach einem Rundblick
auf vielleicht vier Hektar Inferno. Eine Weile steht er aufrecht-unentschlossen,
bis sich von ferne eine Blaulichtkolonne bedeutungsschwer heranwindet.
Schon regt er sich rasch, erwachend wie aus Andacht. Immerhin hatte er
nicht aus touristischem Übermut die Luftlinie gewählt, sondern
mit Sehnsucht im Herzen und Eile im Aug'. Noch einmal schaut er sich prüfend
um, doch es bleibt bei dem gelegenen Befund: hier ist's am Ende, kein Leben
glimmt mehr, keine Pflicht mehr redet sich ihm ein. Der Redakteur birgt
seine kräftigen Finger in den Hosentaschen, als er merkt, wie empfindlich
kalt es trotz der zwischen den Wrackteilen lodernden Flammen doch ist.
Januar. Hier und da Leiber. Mögen die Schmetterlinge1)
fluchen. Ruhig geht er auf den Haufen hektisch herumrollender Dienstfahrzeuge
zu. Aus deren Reigen kristallisiert sich unterdessen ein einsatzleitendes
heraus und der Redakteur wendet sich dorthin.
„Ich will nach Berlin-Tegel.“, spricht er den bis zur
völligen Verstörung auf sein Funkgerät konzentrierten Uniformträger
an, „Hier ist mein Ticket.“ Der brave Beamte läßt sich nicht
beirren, sondern plappert unverdrossen aufgeregt ins Kästchen. Die
Melodie verrät dem Redakteur, daß sein Airbus in Holland zerschellt
ist und er es noch weit hat.
Stell dir vor, es ist Steinzeit, und es treffen sich zwei
Vampire in Baalbek... Ach so, ja, äh, das klingt natürlich bißchen
komisch. Soll ja auch 'ne witzige Story werden. Aber vorher muß ich
wohl erklären, wie das mit den Vampiren ist, in der Steinzeit. Naja,
also, war'n an sich erstma' nich' irgendwelche Wunderwesen oder so, sondern
einfach 'ne intelligente Art, die's schon lange vor uns Menschen
gegeben hat. Paar Millionen Jahre. Als wir Steinzeit hatten, war'n die
also schon unheimlich weit inner Wissenschaft, Technik, Philosophie und
so. Oder wart' mal... nee, ... doch, so war das, glaub' ich. Ja, aber hat
ihnen alles nix genützt. Sie wurden immer weniger; Genetik und so.
Jedenfalls war'n das inner Steinzeit bloß noch 'n paar tausend Stück,
aber die hatten alle unheimlich was drauf. Bloß, daß sie 'n
bißchen klein geraten war'n, da haben dann die Steinzeitmenschen
immer wieder mal draufgehaun. Nee, nich wie auf die Vietnams, die wehrn
sich ja manchmal. Jedenfalls wurden das wegen die Urmenschen ihre typische
Brutalität noch weniger Vampire. Ich mein, davon hätte jeder
locker 'ne ganze Horde Urmenschen fertigmachen können, bei die ihre
Technik, ne. Aber die warn da komisch, mit ihre Ethik, weilse doch gemerkt
haben, daß die Urmenschen 'ne junge, aufstrebende Intelligenz warn,
wiede an meine Person leicht ablesen kannst, und wegen ihre Ethik, vastehste?
Macht nix, ich auch nich. Nu hatten die also beschlossen, geordnet auszusterben,
also so, daß sie zwar immer weniger wer'n, nu mit Absicht, aber daß
die, die noch da sind, immer mächtiger werden. Jede neue Generation
Vampire sollte 'n gutes Stück weniger Leute haben als die vorige,
aber auch viel länger leben und haufenweise Extrawürste, also
alle möglichen Fähigkeiten entwickeln. Das ganze Projekt hieß
DRACULA - merkste was? - und am Schluß von det Ding sollte ein einziger
Vampir rauskommen, wenn man das dann noch so nennen kann, also der Vampir
an sich, sozusagen. Der sollte dann nich' nur allet mögliche drauf
haben, vor allem sollte der unsterblich sein und wie'n Mensch ausseh'n.
Lach nich. Jetze noch nich, du; kommt ja allet erst noch.
So, und nu stell dir vor, es ist Steinzeit, und es treffen
sich zwei Vampire in Baalbek. Sagt der eine:
„Bist du aufgeregt?“
„Ja, sicher. Das PROJEKT hat begonnen.“
„Du klingst nicht sehr bewegt.“
„Sollte ich? Kann schon sein, aber ich frag' mich wiedermal,
wozu ich eigentlich da bin.“
„Ah ja, der Sinn des Lebens. Nun, du trägst zum
Gelingen des PROJEKTES bei.“
„Ich gehöre genausowenig wie du zu den Ausgewählten,
DIE DURCH DIE ZEIT GEHEN.“
„Trotzdem. Wir sichern den Hintergrund mit ab. Noch ist
das PROJEKT verwundbar.“
„Das soll mein Lebenssinn sein? Das PROJEKT? Da hast
du das Problem wieder, bloß nochmal verpackt. Das ist es ja: Wenn
ich außerhalb des PROJEKTES keinen Sinn habe, welchen Sinn
hat dann das PROJEKT?“
„Die Art zu erhalten, sie zu transzendieren.“
„Und wozu soll das gut sein? Weißt du, was die
in der Prägung immer sagen, daß der Begriff des Sinnes nicht
auf die Kategorie 'Leben' anwendbar sei, das kann ich ja denken, obschon
nicht meinem Empfinden beibiegen. Ich kann mich also damit abfinden, daß
es sinnlos sein soll, nach dem Sinn meines Lebens zu fahnden. Doch warum
soll, was für dich und mich als Individuen gilt, für die Art
nicht gelten? Und um deinen dialektischen Verdrehungen zuvorzukommen: noch
verwirrender ist doch, daß letztlich ein einzelnes Wesen - im Ergebnis
des PROJEKTES - die Art fortsetzen soll. Hat dann dessen Leben einen Sinn?
Den Sinn der Art, den angeblich dialektisch von Quantität -ha, kaum
mehr der Rede wert- zu Qualität gehüpften? Oder einen eigenen?
Oder spinnen die Denker des Projektes DRACULA?“
„Jetzt weiß ich wenigstens, warum du nicht ausgewählt
wurdest, obgleich du bestimmt überdurchschnittlich begabt bist. Du
bist ein Defätist.“
„Ich beneide die nicht, DIE DURCH DIE ZEIT GEHEN. Aber
ich werde trotzdem dabei sein, beim PROJEKT, verlaß dich drauf, auf
die eine oder andre Weise. Zweifel entstehen immer, auch bei denen, DIE
DURCH DIE ZEIT GEHEN. Wir sind überall.“
Mist, jetzt hab' ich die Pointe vergessen. Ich mein',
das war ja schon witzig, haha, „Wir sind überall!“, hihi, die Stasi-Hymne
schon in der Steinzeit. Aber das ging noch irgendwie weiter, warte mal...
Vor einer Parkbank läuft ein alter Mann mit dicker
Brille, grauem Mantel, grauem Haar sabbernd hin und her.
„Wo kämen wir da hin?“, fragt der alte Mann immerzu
kopfschüttelnd. Der Redakteur blickt auf seine Schuhspitzen. Plötzlich
legt sich eine Hand schwer auf seine linke Schulter. Er dreht sich um und
sieht in ein breites, fanatisches Gesicht.
„Ich hab' dich aus dem Wrack kommen sehen. Du bist der
Vorletzte!“, droht der Fremde, „Dann noch den Highlander - es kann nur
einen geben. Mich!“ Dabei hebt er mit beiden Armen ein riesiges Schwert
und zielt auf den Hals des Redakteurs. Zwei Zehntelsekunden später
wischt sich der Redakteur das Blut von den Lippen und überlegt, wo
er den Kopf des Hünen hinstecken soll. Der Alte ist verschwunden.
Der Redakteur hatte gewartet und Ausschau gehalten, doch
im Grunde wußte er, daß er die Prinzessin nicht mehr sehen
würde. Ihr Flugzeug würde hier ankommen, wenn seines auch ankam
- aber ganz woanders. Nun, er würde iihr schreiben, gewiß.
Betrübt und ergeben trottet er vom Ankunfts- zum
Abflugterminal. Paßkontrolle am Rande, Zollkontrolle drollig. Beamter
betrachtet, beschließt Bewegung, betastet. Redakteur abwesend, Beamter
unfroh: keine Bombe im Portemonnaie. Beamter bemerkt Beule in Jacke. Redakteur
öffnet folgsam die Tasche. Beamter läßt sich Feuerzeug
vorführen. Redakteur wartet. Beamter blickt barsch auf Restbeule.
Redakteur fördert zwei Kondome zutage. Beamter stutzt. Redakteur kramt
das Gleitgel hervor. Beule beseitigt. Beamter grinst überlegen anzüglich.
Der Redakteur strahlt ihn an. Kontrollator transpiriert unversehens unsicher.
'Er wird nachher seine Brille putzen müssen', denkt
der Redakteur, packt ein und geht versunken lächelnd weiter. Einsteigen,
Stewardessenmünder grellrot und lau gekrümmt, Start. Abheben
ist so 'ne Sache; macht er sonst lieber bei der Bank. Luftpost, Luftdruck,
Lufthansa, Luftikus, Luftkissen als Brötchen; die unvermeidliche Blondine
trägt's mit Fassung wieder fort.
Der Redakteur langweilt sich und beschließt, nun
endlich das Amtliche zu lesen, das seit zwei Wochen in der Brusttasche
knistert. Ein Gericht hält sich ihm vor. Er, der Redakteur, hätte
geschrieben, empört es sich. Man lebe aber in einem freiheitlichen
Rechtsstaat. Der Redakteur muß wohl daran glauben, schreibt man ihm,
widrigenfalls er in Verhaft genommen und gebessert würde.
Aus der Pilotenkabine zieht es entsetzlich, die Stewardessen
lächeln professionell entschuldigend. Etwas beunruhigt beobachtet
der Redakteur zwei Männer im Lufthansadreß, die zügig aus
dem Blickfeld seines Fensters purzeln. Ein Junge setzt sich auf den freien
Platz neben dem Redakteur. Er ist achtzehn oder neunzehn, hübsch,
war bis eben nirgends und trägt Shorts plus T-Shirt.
„Du bist der Redakteur, stimmt's?“, fragt er.
„Ja.“, sagt der Redakteur und ist stolz auf seine Ehrlichkeit.
„Bist du gesund? Glücklich? Verliebt?“, möchte
der Junge wissen.
'Der ist nicht aus der Welt', denkt der Redakteur darob
erstaunt.
„Nicht mehr...“, haucht der andere, senkt die Augen und
lächelt dabei traurig, so sacht, daß dahinter eine ungeheure
Wehmut sich verbergen muß, ein großer Schmerz, der sich erlösender
Bitterkeit verweigert.
„Man darf ja die Traurigkeit, die tief ist und unheilbar,
nicht mit Trübsinn verwechseln. Trauer verflacht im Trübsinn.
Elend geht sie daran zugrunde, und wir sterben mit ihr, oder doch unsere
Empfindsamkeit. Widerstehen wir dem, so kann - vielleicht, vielleicht -
unsere Traurigkeit den Grund bilden, den schwarzen, reichen, auf dem neues
Leben wächst. 'Leben heißt leiden', ist ja auch kein freudloser
Satz, sondern die geistige Fallgrube bei Nietzsche, in der sich all jene
sammeln, die gar nicht leben wollen, sondern nur ihr Dasein schmerzlos
absolvieren. Wer kein Leben versucht, hat aber auch keinen Tod.“
So sprach der Redakteur - oder hatte er es nur gedacht?
Der Junge aber lächelte noch immer, blickte nun den Redakteur an und
schwieg. Als die Triebwerke zu husten begannen, schließlich verloschen,
legte der Junge dem Redakteur die Hand auf die Brust und bat leise: „Grüß
deinen Feind von mir; es ist das Zeichen, das er braucht.“
Dann verschwand er so unvermittelt, wie er gekommen war.
Der Redakteur hörte jetzt erst das Lärmen und Kreischen ringsum.
Gleichzeitig sah er, wie eine Stewardeß aschfahlen Gesichts, aber
mit kernigroten Lippen, die Schwimmwesten erläuterte, und wie der
winterlich weißgefleckte Boden rasant heranrückte.
Gold und Geschmeide prangten von allen Wagen, die zahlreich
sich durch die prachtvoll geschmückten Tore in die Hauptstadt drängten.
Alles Volk war in freudiger Bewegung. Die Edlen übten sich im brüderlichen
Kampfe, mit ihren Siegen den Unbezwinglichen zu preisen. Die Gelehrten
disputierten ehrerbietig und versicherten alle Welt ihrer untertänigen
Hoffnung, nun bald vom Höchsten, vom Weisesten eine Geste, ein Wort
gar, zu ihrer Unterrichtung und dankbaren Ausdeutung zu erhaschen. Einfache
Leute jubelten überall, auf den Plätzen tanzten die Frauen, der
Basar floß schier über vor Köstlichkeiten und der Handel
florierte: zum Ruhme des allergütigsten Herrschers, zur Blüte
seines gewaltigen Reiches beizutragen. In allen Gassen funkelte und blitzte
es nur so, daß es ein Entzücken war. Es leuchteten die Blicke
der Mädchen wie Sterne, die samtenen Augen der Knaben glommen unergründlich.
Schon seit Wochen kamen unablässig Karawanen demütiger Untertanen
aus allen Provinzen des Reiches, hochedle Fürsten darunter, die ihre
Schätze wie ihr Leben dem Sonnengleichen zum Geschenk machen wollten.
Heute nun sollte es soweit sein. Freudige Erregung in allen Gesichtern
und ... äh, Herzen. Den ganzen Tag schon labten die Diener des anbetungswürdigen
Großkönigs das gemeine Volk in den Straßen mit den erlesensten
Süßigkeiten, die Gefängnisse wurden geleert und die Verurteilten
an mehreren Plätzen öffentlich hingerichtet. Doch an solchem
Tag war großzügig selbst der starke Arm des Henkers: hatte das
Volk Mitleid mit einem schönen Jüngling und seufzte vernehmlich,
so schlug der Scharfrichter ihm nicht den Kopf ab, sondern ließ zuweilen
einen laufen. Die so Geretteten fielen augenblicklich auf die Knie, priesen
die unendliche Gnade des Großkönigs - möge er noch viele
herrliche Geburtstage feiern zur übergroßen Freude seines ergebenen
Volkes -, und schworen auf ewig Tugendhaftigkeit.
Dann war es endlich soweit: der Herrscher selbst würde
sich seinen Untertanen zeigen. Die Sonne strahlte bereits in feierlichem
Rot vom Horizonte, das Volk drängte sich vor der gewaltigen Empore,
die gesäumt war von Kaskaden kostbarster Edelsteine, gefaßt
in pures Gold. Hunderte riesengroße Sklaven bildeten das Spalier,
durch das der Großkönig schreiten würde, anmutige Tänzerinnen
bestreuten seinen Weg mit Blumen und Juwelen. Da! Schon wichen die schönen
Sklavinnen zur Seite, die ersten Hofleute nahten sich, die Spitze des Zuges,
dessen Krönung der Allgütige selbst sein würde. Breiter
wurde der Zug, die Posaunen kündeten immer lauter und heller, die
Jubelschreie des Volkes brandeten zu höllischem Getöse auf, schon
glaubten einige, den unvergleichlichen Schimmer SEINES Gewandes erblickt
zu haben --
- „Aus!“, ruft der Redakteur, „Klappe!“
Luzifer blinzelt irritiert und läßt sein Whiskyglas
fallen.
Der Redakteur hat den Park verlassen und sucht wieder
einmal in seinem Leben einen Bahnhof, der den Namen verdient. Dabei kann
ihm niemand helfen. Die Umgebung wird, was sie ist: ein Sammelsurium von
grauen Punkten, wie sie zwischen schwarzen Quadraten entstehen; doch ohne
diese hier. Ausgerissene graue Punkte: alles kommt ihm bekannt vor, doch
sieht er eines an, löst es sich auf oder wird gänzlich unbekannt.
Gar keine schwarzen Quadrate, merkt er nach einiger Zeit, nein, Menschen
statt dessen. Denn nun sind sie da. Plötzlich war er neben ihnen.
In langer Reihe stehen sie, kein Ende abzusehen nach hinten, kein Ziel
nach vorn. Sie stehen nicht säuberlich hintereinander, sondern wie
ein hier und da zur Traube sich weitender Schlauch von Wartenden vorm Theater.
Ein Zug scheinbar von Horizont zu Horizont, und nur langsam geht es voran;
einige drängeln drinnen. Der Redakteur weiß mal wieder nicht,
ob er froh sein darf, von jeher nicht dazuzugehören. Er geht seine
eigenen Wege, will er denken, erschrickt dabei und weiß, daß
es nicht stimmt: Neugier ist auch ein Zwang.
An den Seiten patrouillieren Päpste und Polizisten.
Irgend so ein heiliger Oberleutnant blickt begehrlich am Redakteur rauf
und runter. Keine Zeit, keine Zeit. Außerhalb der Zeit. Er muß
erst wieder an die Gegenwart gelangen, merkt der Redakteur und schreitet
weiter aus. Viele, viele Schritte muß er tun. Muß vieles sehen,
oft mit halbem Blicke nur.
Da endlich ist ein Ziel in Sicht: einen Hügel geht's
hinan, darauf befestigt eine steinerne Figur. Noch ist es weit, doch beschleunigt
schon die Neugier seinen Schritt, als er gewahr wird, wie sie alle offenbar
nur anstehen, um dort vor der Figur das Knie zu beugen und den Kopf, worauf
sie hinterm Hügel bald verschwinden. Im Näherkommen fühlt
der Redakteur nun immer stärker einen Blick auf sich gerichtet, dreht
sich suchend hierhin, dorthin, bis er merkt, daß es die Figur ist,
die ihn fixiert. Er braucht eine Weile, den zu erkennen, den er zuletzt
am Kreuz gesehn - und nun in Stein. In diesen Augen liegt Zorn und Hilflosigkeit
und immer noch Erwartung. „Sieh mich an“, scheinen sie zu sagen, „und sieh
dich um! Sieh genau hin!“ Der Redakteur, der herangekommen ist, sieht die
Angestandenen, die hier ihre Kniefallübungen absolvieren, eine sakrale
Gymnastik. Die Figur hat die Hand segnend erhoben über jener Stelle,
an der sie sich schakalhaft krümmen, doch der Redakteur erkennt jetzt
auch den Sinn des Gesteins: der da drinnen kann die Hand nicht senken,
nicht abwenden, nicht gebrauchen gegen die sich leichthin Beugenden; sie
haben ihn eingefaßt in wohlgeschliffene Härte, und nun muß
er sie unablässig segnen.
Manchmal fangen die gespenstischen Kreuzeshäscher
einen Wilden, kräftige Burschen zumeist, die sie mit Tücke und
Brutalität knebeln, oder einen Ausreißer aus dem Strom. Solche,
die die Augen gesehen haben. Die werden dann niedergeworfen unter den zwanghaft
segnenden Arm, und mit dem Kopf so lange zum Kuß auf die Füße
des selbstgebastelten Götzen geworfen, bis aus dem vorher frevelnd
vom Sehen kündenden Mund kein Schrei mehr quillt - nur noch Blut.
Dann wieder kommen solche, die darum anstehen, weil's
so viele tun, die im Strom sich irgendwann fanden, ohne es zu merken oder
für bemerkenswert zu halten. Die schnippisch-ahnungslos lächeln
und über die Blutspur, über Zähne, Knochen und Fleisch der
Gemarterten, den Blick aufs Monument geheftet, die Treppe zum Schauspiel
erklimmen: gewissenhaft zeremoniell, doch ohne Begriff. Und auch die, deren
heimlich oder unheimlich wissendes Lachen den Stein härtet, während
sie sich in der höhnisch überzogenen Gebärde tiefster Demut
auf den Boden werfen, an der Spitze der Treppe, zu Füßen ihres
Gefangenen. Die lustvoll das Blut lecken, das die Schafsaugen der eitlen
Unkinder peinlichst übersehen. Ob das die Herren des Zuges sind, fragt
sich der Redakteur, einen Moment zur Achtung bereit, und ob er mit diesen
reden müßte. Doch ihre Welt ist fertig, mögen sie darin
Herren sein oder Funktionäre. So schaut er wieder auf die Augen des
unsterblich Versteinerten, die ununterbrochenen Todeskampf spiegeln: den
Kampf mit den gedankenlosen wie den sicheren Blicken.
„So ergeht es dir, wenn du dich mit ihnen einläßt.“,
sagen die Augen zum Redakteur.
„Warum tust du es dann?“, denkt der Redakteur, „Soll
ich dir helfen? Vielleicht reicht meine Kraft, den Marmor zu zerkrümeln.“
„Ganze Arbeit.“, sagt Luzifer, der plötzlich mit
einem neuen Glas in der Hand und mit Tränen im Gesicht auftaucht.
„Ja“, gestehen die Augen des Gekreuzigten, „es ist mein
Leib.“
„Was denn“, der Redakteur glaubt es nicht, „nur noch
die Augen ...?“
„Es kommen andere...“, bedeutet der Blick des in Marmor
Aufgelösten und geht in die Ferne, dorthin, wo der Fluß der
beliebigen Leiber entspringt.
„Nein!“, will der Redakteur ihm zurufen, „Glaub doch
das nicht! Sie sind alle so! Ich komme doch von dort, ich hab' sie nah
gesehn!“ Doch er bringt es nicht heraus. Luzifer zieht ihn sanft beiseite.
Gemeinsam schweigen sie ein Stück. Dann trennen sich auch ihre Wege:
der Redakteur steigt in den Zug nach Frankfurt.
Nee, also komisch, wie dat weiterging mit die lustige
Story vonne Vampire und so hab ich jetze echt vergessen, also den Witz,
mein ich. Was das nu mit dem Blutsaugen und so auf sich hat, was wir so
aus'm Märchenbuch kennen, willste wissen, ja? Also, ich kann dir auch
bloß sagen, was mir so'n Typ mal erzählt hat, der war total
fertig, hat bloß noch so vor sich hin geredet und nich mehr viel
gemerkt, glaub ich. Na jedenfalls mit dem Blut, das is einfach, weil da
irgendwas drin is, was den Vampiren, die ihr Teil geschafft haben, also
... äh ... sich fortgepflanzt haben und nun irgendwann sterben müssen,
was denen die Schmerzen nimmt. Eigentlich, hast ja recht, wollten die sich
aber gar nich an de Menschen vergreifen. Aber da is überhaupt einiges
schiefgelaufen, hat der Typ gesagt, bei dem Projekt. Inzwischen soll nämlich
das Ding fertig sein, also der allerletzte Vampir, aber zwischendurch haben
welche von denen, DIE DURCH DIE ZEIT GEHEN irgendwie gemeutert oder so.
Äh, spendierste mir noch 'n Korn? Ja? Okay. Jedenfalls is der, der
nu rumläuft gar nich so perfekt wie geplant, sondern voller Macken.
Aber kreuzgefährlich, sag ich dir! Die haben ja wohl 'n irre gutes
Gebiß und... Danke für'n Schnarrrps, Fräulein, und
dir auch fürs Ausgeben. Prost!
Von Frankfurt, wo er ein bißchen mit dem Personal
zu kämpfen hatte, das ihm seinen Anschlußflug nicht so einfach
gewähren wollte, sondern nur immerzu wie närrisch auf sein altes
Ticket starrte, war es letztlich nur noch ein Luftsprung bis nach Tegel.
Dem Redakteur war so langsam auch danach zumute.
Ankunft, Aussteigen, schon wieder Stewardessen. 'Wartet
nur, balde...', denkt es im Redakteur hämisch. Zur Strafe wartet er
zwei bis drei Ewigkeiten auf sein Gepäck, eh' ihm einfällt, daß
sich das wohl auf holländischen Schneewiesen tummelt. Sowas auch!
Dabei hatte sich bei allem dennoch sein Empfinden für
ganz kleine, skurrile Zauberhaftigkeiten der Existenz bewahrt, schien ihm.
Im Zug zum Beispiel, von irgendwo nach Frankfurt, setzt sich einer ihm
gegenüber. Zum Träumen schön. Und so kluge Augen. Ein leichtes
Lächeln, das die Freude am Leben gegen all das bessere Wissen und
gegen die Traurigkeit bewahrt, die sich in den ruhigen, klaren Augen spiegeln.
Anschauen, angeschaut werden. Kaum eine Silbe. So siehst du auf mich mit
deinen schönen Augen und weißt nicht recht. Du bist beunruhigt,
etwas klingt in dir, vielleicht ahnst du etwas, doch du erkennst mich nicht.
Dich wird man immer erkennen, mein armer Freund. Eine Stunde Fahrt, Gepäck,
Gleise, Reisende, dann Aufstehen. „Tschüß.“ - „Tschüß.“
Der Redakteur findet einen Zettel unter seinem Sitz, ein loses, vergilbtes, vormals eilig bekritzeltes Blatt:
MONOLOG EINES INNEREN UND ÄUSSEREN SCHWEINEHUNDES
MIT SEINEM ILLUSIONSLOSEN SCHUTZENGEL
Der Redakteur steigt aus und umarmt lachend den Gegenbeweis.
„Vielleicht“, sagt Iehova.
„Himmel hilf!“, sagt Luzifer.
„Platschquatsch.“, sagt der Redakteur.
(marvinius@yahoo.com
, irgendwann 1994)
1) Wir erlauben uns anzumerken, daß Schmetterlinge im Januar durchaus als ungewöhnliche Erscheinung gelten dürfen. Ist denn dem Autor gar nichts heilig? Nichtmal die Jahreszeiten? Ein alter und selbstverständlich zweifelhafter Aberglaube besagt allerdings, daß die auffliegenden Seelen just Verstorbener uns als Schmetterlinge erscheinen, was immerhin dies&das erklären würde.